First steps on Lesbos

3 Wochen ist es her dass wir auf der Fähre in die Türkei Josua und Judith, zwei Radreisende aus der Schweiz kennengelernt hatten. Sie wollten dort den Flüchtlingen helfen, die seit Januar in immer grösserer Anzahl auf der Insel ankommen. Von ihnen wusste ich, dass jede Hand willkommen ist, da der Flüchtlingsstrom anhält und immer noch tagtäglich mehrere tausende(!) Leute die Insel passieren. Generell gesehen hätte Aachen mit Sicherheit auch Bedarf an freiwilligen Helfern gehabt, aber irgendwie wollte ich eine Vorstellung davon bekommen wie der Weg der Menschen aussieht, die zu uns nach Europa kommen. Außerdem hatte ich hier die Sicherheit ohne große bürokratische Umstände mithelfen zu können.

Lesbos ist landschaftlich ein Traum. Die 70 km von der Hafenstadt Mytilini in den Norden nach Molyvos waren wunderschön, allerdings auch sehr anstrengend. Das lag zum einen an meinem Schlafmangel (ich hatte in meiner erste Nacht alleine free-campen nicht so seelenruhig geschlafen wie mit Lukas, das kann aber auch an den Hunden gelegen haben die mich zwischendurch wütend aufweckten), den ganzen Bergen und meiner Kaufsucht in der Turkei. Ich war beladen wie noch nie zuvor und nicht mal die Charango passte in meine rote Radwurst! (Ja, das kiloschwere Holz-Okey war es trotzdem Wert & Lukas: ich weiß wie du gerade guckst).

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Meine ersten Schritte auf der Insel tat ich begeistert aber dementsprechend schwitzig! Nach mehreren Stunden auf dem Rad erreichte ich Molyvos am Abend. Da der Ort sehr nah an dem 20 km langen Küstenabschnitt liegt wo die meisten Flüchtlingsboote ankommen, sieht man nicht nur regelmäßig Flüchtlingsgruppen, es haben sich darüber hinaus auch Mengen von Freiwilligen unterschiedlichster NGOs angesiedelt. Mein erster Eindruck war sehr positiv. Selten habe ich einen Ort gesehen wo man von Anfang von so vielen herzlichen und freundlichen Gesichtern begrüsst wird. Vielleicht liegt es am Wetter (es scheint fast immer die Sonne) oder an der Arbeit mit den Flüchtlingen, dass so heitere Stimmung herrscht. Vielleicht auch am Ort Molyvos, der Bilderbuch-schön und richtig schnuckelig ist. Ein Fischerdorf am steilen Hang gelegen, mit vielen kleinen Gassen und einer Burg am oberen Ende, die hier allerdings noch fast niemand besucht hat (weil sie so hoch liegt?) haha.

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Nach ein paar Übernachtungen im Hotel und bei meinen neuen 3 dänischen Supergirls Rie, Fanny und Sophie, bin ich letzten Endes mit Judith und Josua in ein (gesponsertes) Haus gezogen und lebe seither so schön wie nie zuvor, mit Terrasse sowie Blick aufs Meer und Hafen. Von hier kann man wunderbar die griechische Küstenwache und das Frontexboot beobachten (inkl. Portugiesische Besatzung mit schönen Oberarmen – sagt Judith gerade). Momentan sitzen wir übrigens im Food-Zelt (von Ikea), es ist 6 Uhr morgens und wir beenden unsere Nachtschicht im Oxy Transitlager.

Molyvos ist auch der Ort an dem sich vor circa einem Monat die Tragödie mit vielen Ertrunkenen abgespielt hat. Judith hat mir erzählt wie 10, 15 Menschen gleichzeitig bewusstlos im Hafen lagen und teilweise reanimiert wurden. Damals gab es nicht ausreichend verfügbare Ärzte oder Freiwillige und auch Judith und Josua hatten erst nach 1 Monat einen freien Tag. Jetzt gibt es sogar einen Zahnarzt und die Anzahl der Helfer ist rapide angestiegen, sodass jeder normalerweise nur eine Schicht am Tag übernehmen muss. Wenn jetzt ein Boot in der Küste ankommt kann es passieren, dass mehr Helfer als Hilfsbedürftige dabei sind und die Leute darum kämpfen wer nun das klatschnasse Kind in Silberfolie einpacken darf. Die Reporter und Kamerateams freuen sich natürlich und ergänzen das Chaos mit wildem Blitzlichtgewitter.

Ich glaube man kann sich gar nciht vorstellen wie furchtbar diese Woche mit den vielen Todesopfern gewesen sein muss. Aber schon angesichts der kleineren tragischen Momente, die sich eigentlich tagtäglich abspielen, bildet das Panorama aus unserem Küchenfenster und die generell schöne Stimmung unter den Menschen einen schwer greifbaren Kontrast.

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